QUERBLICK

Verliert die Realität immer mehr gegen die Haltung?

Die Deutungshoheit über Fakten

von Ekaterina Quehl | Aug. 5, 2026 | Demokratie, Gesellschaft

"

Immer häufiger wird nicht mehr das Weltbild an Tatsachen angepasst, sondern Tatsachen an das Weltbild. Ein Phänomen, der längst weit über Politik hinausreicht.

 


In einem Kurz-Video erzählt ein schwuler Mann offen, dass er Angst vor migrantischen Jugendlichen hat, jeden Tag Anfeindungen und Hass erlebt, aber „nicht von Rechten“. „Ich erlebe sie von Migranten und von muslimischen Menschen. Und es sind ja auch im Stadtteil sind Gruppen durchgezogen, die Schwule dort angegriffen haben, verletzt haben. Das waren migrantische Jugendliche. Keine rechten.“

Daraufhin antwortet die Gesprächspartnerin, eine junge Frau: „Ich denke nicht, dass es damit zusammenhängt, dass es migrantische Jugendliche sind. Ich denke, das hängt eher damit zusammen, dass es männliche Jugendliche sind. Und ich glaube, dass Queer-Feindlichkeit und Antifeminismus bis in die Mitte der Gesellschaft recht stabil sind. Und dann gibt es eben rechtsradikale Parteien, die damit Stimmung machen“.

Das ist ein Paradebeispiel für die zahlreichen Reaktionen, die wir nach dem CSD-Anschlag erleben und bei denen man sich fragt, was in den Köpfen von Menschen vorgeht, wenn die Realität vor Augen ist, aber trotzdem so lange umgedeutet wird, bis sie ins eigene Weltbild passt.

Medien entwickeln Theorien, was Islamisten und Rechtsradikale verbindet, um den Anschlag auch nur ansatzweise mit rechter Gewalt begründen zu können. Die Taz veröffentlicht ein Interview mit einem Aktivisten, der erklärt, dass Klimawandel der Grund für den Anschlag sein könnte, denn – „Je mehr ökologischer Kollaps, desto mehr Gewalt“.

Warum werden aus „migrantischen Jugendlichen“ „männliche Jugendliche“ und warum wird der Grund für einen islamistischen Anschlag ausgerechnet bei den Rechten bzw. sogar beim Klima gesucht?

Besonders in den letzten Jahren ist die Realitätsverweigerung in unserem Land so großflächig geworden, dass man sich inzwischen fragen muss, wie das passieren konnte. Schaltet der Schutzmechanismus zum Erhalt des eigenen Weltbildes tatsächlich derart? Oder ist die eigene Haltung inzwischen so stark, dass selbst die Realität an ihren Wänden zerbricht? Das Schlimme ist, dass es sich nicht (mehr) um einzelne Menschen handelt, die für sich Fakten an das eigene Wertesystem bzw. die eigene Haltung passend interpretieren. Dafür werden inzwischen öffentliche Akteure, NGOs, Hochschulen, Faktenchecker etc. eingespannt. Projekte werden gefördert, Studien durchgeführt, Studiengänge eröffnet, Parteiprogramme geschrieben – es ist eine regelrechte Infrastruktur zum Erhalt eines bestimmten Weltbildes entstanden. Kein Wunder, dass Fakten keine so große Rolle mehr spielen. Und wenn doch, dienen sie häufig nur noch der Widerspruchsbeseitigung.

Ich kann mich noch an ein Studienprojekt erinnern – und das war schon vor vielen Jahren –, bei dem wir, die Studenten, im Internet nach rechten und rechtsradikalen Netzwerken suchen mussten, die im Hintergrund großflächig aktiv sein und bestimmte Zielgruppen mit ihren Aktivitäten für sich einspannen sollten. Als ich beim besten Willen keine Informationen finden konnte, die valide Daten zur Bestätigung der „Großflächigkeit“ beitragen konnten, sagte mir die Dozentin: „Das kann nicht sein“. Vielleicht war ich eine schlechte Rechercheurin, aber man konnte schon merken, dass das Studienprojekt die Tatsache zugrunde gelegt hatte, es gebe eben so viele solcher Netzwerke, dass es zumindest für jeden Studenten reichen müsse. Was am Ende alles als rechts interpretiert wurde, hat mich – damals noch – sehr gewundert: Von Mädchengruppen zum Zöpfe flechten bis hin zu Chats über bestimmte Kleidungs- und Musiktrends.

Bei einem ehemaligen Arbeitgeber durfte ich beim Layout eines Flyers über Hacking im Internet kein Bild verwenden, auf dem ein Mann mit Kapuze vor einem Computer saß – weil die Zielgruppe des Projekts Migranten waren und sie sich wegen des Bildes beleidigt hätten fühlen können.

Besonders stark merkt man heute, wie verschiedene Themen des Alltags immer mehr zu moralischen Marken werden. Vertritt man sie – ist man auf der „richtigen Seite“. Tut man das nicht – aha, entweder stimmt irgendwas mit einem nicht, oder man ist gleich rechtsradikal. In der Corona-Zeit waren es Masken, Impfungen, 2G-Courage etc. Heute sind es zum Beispiel LGBTQ- oder FCKAFD-Sticker, bestimmte Formulierungen, das Tragen oder Nicht-Tragen bestimmter Symbole, die Wahl bestimmter Wörter. Dasselbe gilt für bestimmte Sprachregelungen. Wer „Flüchtlinge“ sagt statt „Geflüchtete“, wer bei Gewalttaten die Herkunft der Täter benennt, statt sofort von „männlichen Jugendlichen“ zu sprechen, der hat sich bereits positioniert – oft unfreiwillig. Die Sprache selbst wird zum Code.

Konsum und Alltag betrifft es auch schon längst. Welche Zeitung man liest, welchen Podcast man hört, ob man Fleisch isst oder nicht, wie man spricht – all das kann signalisieren, zu welcher Seite man gehört. Jugendliche diskutieren auf TikTok, ob Sprudelwasser-Trinker rechts wären und ob Jutebeutel links, viele sagen auch nicht mehr das Wort „Mann“ oder „Mensch“, sondern immer nur „Person“. Die Geschwindigkeit, mit der sich diese Codes ausbreiten und verhärten, ist nach meinem Empfinden enorm. Einmal zum moralischen Erkennungszeichen geworden, werden diese Dinge zu einer Art Bekenntnis. Und Bekenntnisse werden freiwillig und couragiert verteidigt – so stark, dass man inzwischen den Eindruck hat, die Realität könnte da nicht mehr mithalten.

Vielleicht sind meine Erinnerungen an die sowjetische Diktatur etwas verzerrt, aber ich hatte immer den Eindruck, dass mich Menschen mit gesundem Menschenverstand umgeben: Alle verstanden alles, redeten aber über gewisse Dinge nicht, um Konsequenzen zu vermeiden. Richtig Verblendete gab es nicht viele. Hierzulande habe ich immer häufiger das Gefühl, der gesunde Menschenverstand sei etwas sehr Seltenes und Wertvolles geworden. Und das ist vielleicht der große Unterschied zu damals: Früher sah man die Realität und ihre Wahrnehmung war noch intakt, aber man schwieg. Heute scheint die Wahrnehmung selbst beschädigt. Und das ist eine ernstere Diagnose.

 


Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat und Sie meine Arbeit unterstützen möchten, danke ich Ihnen von Herzen.
Sie können dazu meine Kontoverbindung nutzen:
DE68100101780855450004 oder PayPal.

Bild: KI

 

Teilen auf Ihren Kanälen:

ZUM BLOGANFANG

Leseempfehlung

„Gewalt ist eine Straftat“ in einfacher Sprache

Newsletter abonnieren

Neue Beiträge direkt in Ihr Postfach.

* Ja, ich möchte über Neue Beiträge von querblick.blog per E-Mail informiert werden. Die Einwilligung kann jederzeit per Abmeldelink im Newsletter widerrufen werden. Wir senden keinen Spam. Datenschutzerklärung.

Kommentieren auf meinen Kanälen:

Aktuelle Beiträge

Demonstration in Stuttgart, Germany with protest signs and flags under a clear blue sky.

Politik, Demokratie

„Nie wieder ist jetzt“ 2.0

Ekaterina Quehl

9. September 2026

Die originalen Orte der NS-Verbrechen verfallen, während im Namen des Gedenkens eine mit Steuermillionen alimentierte Infrastruktur aus NGOs, Politik, Bildung und Co. das bekämpft, was heute als „damals“ gilt.

weiterlesen

Politik, Demokratie

Niedersachsen verschiebt die Verfassungstreueprüfung auf Wahlausschüsse

Gastautor

7. September 2026

Die Niedersächsische Landesregierung schafft eine neue Möglichkeit staatlicher Vorprüfung politischer Kandidaten und verschiebt damit Macht von der Wahlentscheidung und der unabhängigen Verfassungsgerichtsbarkeit hin zur Exekutive. Von Boris Blaha.

weiterlesen

Kriminalität, Migration, Top

„Gewalt ist eine Straftat“ in einfacher Sprache

Ekaterina Quehl

4. September 2026

Zwei aktuelle Vergewaltigungen zeigen wieder einmal das Ausmaß der Naivität und Verdrängung hierzulande. Einerseits wird dabei Migranten in einfacher Sprache erklärt, dass Gewalt schlecht und strafbar sei, andererseits traut man ihnen aber zu, Sozialhilfe und Staatsbürgerschaft zu beantragen und gegen eigene Asylverfahren zu klagen. Wo liegt der Fehler?

weiterlesen