Die Geschichte hinter politischen Begriffen zu kennen, scheint heute nicht mehr wichtig zu sein. Kleidungsstil und Alltagsgewohnheiten reichen aus, um andere als „links“ oder „rechts“ zu „lesen“.
In sozialen Netzwerken, vor allem auf TikTok, gibt es derzeit einen Trend: Anhand von Kleidung, Gewohnheiten und Lebensstil wird entschieden, wer links und wer rechts ist.
Problematisch ist daran weniger die Einordnung selbst als ihr Zweck: Die Begriffe dienen längst nicht mehr der politischen Beschreibung, sondern der pauschalen Abwertung. „Rechts“ wird zum Synonym für falsch, „uncool“, peinlich oder unerwünscht.
Eine kleine Liste zur Veranschaulichung.
Links
- Schal tragen
- Jutebeutel
- Müll trennen
- ÖPNV nutzen
- Nasen- oder Piercings tragen
- Ehrenamt
- vegan leben
- Pilze sammeln
- Stillwasser trinken
- Zigaretten drehen
Rechts
- Auto fahren
- Fußballfan sein
- Ein Haus bauen
- Bargeld nutzen
- „Der komplette Osten“
- Feierabend-Bierchen trinken
- „Alte Leute“
- Filterkaffee trinken
- Sprudelwasser trinken
- Angeln gehen
- Deutschlandflagge im Vorgarten haben
- Mitglied in einem Karnevalsverein sein
Das eigentliche Problem dieses Trends liegt darin, dass alles, was Jugendliche als rechts oder links einordnen, so gut wie gar nichts mit der eigentlichen Bedeutung der Begriffe zu tun hat. Was „rechts“ ist, wird pauschal mit „Nazi“ gleichgesetzt, was links – mit „Antifa“. Nach dieser Logik würde es heißen, dass Menschen, die stilles Wasser trinken oder ein „Feierabend-Bierchen“, rechtes Gedankengut haben.
Was als harmloses Spiel beginnt, endet in einer schleichenden Verharmlosung historischer Begriffe – weil viele ihre tatsächliche Bedeutung nicht kennen.
@xellax06 Is mir beim spazieren gehen so eingefallen #trend #links #plappern ♬ Originalton – Elfriede
@josephine.mler mal gucken unter welchen video mehr gehatet wird (es wird dieses sein) #rechts #trend #meinung #vibe ♬ Originalton – josy ☆
Laut der Studie der Claims Conference, die Wissenslücken zum Holocaust bei jungen Menschen zwischen 18 und 29 Jahren untersucht hat, wissen 12 Prozent der jungen Deutschen nicht, was der Holocaust ist. 40 Prozent wissen nicht, dass sechs Millionen Juden ermordet wurden. 18 Prozent glauben, dass weniger als zwei Millionen Juden umgebracht wurden.
Ausgerechnet in einem Land, das sich selbst „Nie wieder“ in die mentale DNA praktisch eintätowiert hat, werden die Begriffe, die dazu dienen sollen, die Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten, zur pauschalen Abwertung „uncooler“ oder konservativer Lebensgewohnheiten gebraucht. Von Menschen, die oft nicht mal wissen, was tatsächlich hinter diesen Begriffen steckt.
Dabei reicht ein kurzer Blick in die Geschichte, um zu erkennen, dass dieses scheinbar harmlose Spiel einem bekannten Muster folgt: Bestimmte Merkmale werden zum Anlass genommen, Menschen einer Kategorie zuzuordnen.
Wird dieser Umgang zur Gewohnheit, verschiebt sich die Grenze des Sagbaren. Begriffe, die die historische Schwere von Verbrechen ausdrücken sollen, verlieren an Bedeutung – und mit ihnen das Bewusstsein für die Geschichte.
Hat die Wirkung der historischen „Impfung“ bereits nachgelassen?
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Bild: pexels.com






