Was als Versuch zur Deeskalation erscheint, wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wer entscheidet künftig, welche Überzeugung legitim ist – und welche als behandlungsbedürftig gilt?
Unter dem Titel „Bridging the divide“ haben Wissenschaftler der Universitäten aus Hamburg und Augsburg eine Studie vorgelegt, die darauf abzielt, Feindseligkeit und Gewaltbereitschaft zwischen politischen Lagern zu reduzieren. Im Zentrum steht eine Methode, die ursprünglich aus der Behandlung der Schizophrenie stammt.
Es geht um ein sogenanntes metakognitives Training, dessen Ziel ist es, vorschnelle Urteile zu hinterfragen und Zweifel an eigenen Überzeugungen zu fördern. Der Ansatz arbeitet dabei nicht mit Argumenten, sondern mit gezielten Fragetechniken, die Art und Weise verändern sollen, wie Menschen zu ihren Urteilen kommen.
„Unsere Studie ist ein Versuch, Gewalt in unserer Gesellschaft herunterzuschrauben. Meine Hoffnung wäre, dass Menschen vielleicht den Kopf schütteln, wenn sie zum Beispiel die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt oder die AfD-Politikerin Alice Weidel treffen – aber beide Frauen nicht mit Gewalt oder Vergewaltigung bedrohen und keine abfälligen Bemerkungen über ihr Aussehen machen. Bei den meisten unserer Probanden konnten wir in der Studie Feindseligkeiten und Hass reduzieren“, erklärt Steffen Moritz, der am Universitätsklinikum Eppendorf den Forschungsbereich Neuropsychologie und Psychotherapie leitet, im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.
Mehr als tausend Teilnehmer beantworteten Fragen zu verbreiteten Annahmen über Parteien wie die Grünen oder die AfD. Viele lagen mit ihren Einschätzungen falsch. Das Ergebnis: Laut den Forschern haben Feindseligkeit und Gewaltbereitschaft gegenüber dem jeweils anderen Lager messbar abgenommen.
Eine Methode, mit der eigene Annahmen über den politischen Gegner hinterfragt und die Gräben zwischen links und rechts überwunden werden sollen – auf den ersten Blick mag das plausibel klingen.
Doch die eigentliche Frage der Studie liegt nicht in ihrem Ziel, sondern in ihrem Ansatz: Was bedeutet es, wenn politische Überzeugungen mit Methoden bearbeitet werden, die ursprünglich für die Behandlung gestörter Realitäts-Wahrnehmung entwickelt wurden?
Für Menschen, die in Systemen aufgewachsen sind, in denen politische Abweichungen als Pathologien galten, läuten bei diesem Ansatz Alarmglocken.
In der Sowjetunion wurden Dissidenten und Andersdenkende nicht nur politisch verfolgt, sondern psychiatrisch behandelt. Insbesondere seit den 1960er-Jahren entwickelte sich eine Praxis, bei der politische Dissidenten für „unzurechnungsfähig“ erklärt wurden und in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen wurden. Die Grundlage dafür war unter anderem die Diagnose der sogenannten „schleichenden Schizophrenie“, die von dem sowjetischen Psychiater Andrej Sneschnewski entwickelt wurde. Diese Diagnose erlaubte es, gesunde Menschen als psychisch Kranke einzuordnen, wenn sie die Staatsdoktrin der Sowjetunion in Frage stellten.
Natürlich darf man die Methode dieser Studie nicht mit den Methoden der Sowjetunion gleichsetzen. Doch vergleichen darf man sie. Gerade vor diesem historischen Hintergrund stellt sich die Frage, welche Form der Überzeugung als Norm und welche als Abweichung gelten soll? Wer darf das bestimmen?
In einer demokratischen Gesellschaft bilden Bürger ihre politischen Überzeugungen selbst – durch eigene Weltanschauung, Erfahrungen und Informationen. Zweifel daran können durch Diskussion und Argumentation geweckt werden. Wenn man aber methodisch versucht, bestimmte politische Meinungen und Überzeugungen ins Wanken zu bringen, nur weil diese den Gegnern zu kontrovers sind und als Hass eingestuft werden, dann sind wir nur wenige Schritte davon entfernt, unpassende Meinungen als Pathologien einzustufen. Selbst Hass – auch wenn es ein sehr intensives Gefühl ist – ist keine Pathologie.
Denkt man diese Logik weiter, dann kann all das, was zur Bildung einer Meinung überhaupt wichtig ist, irrelevant werden. Es würde nur noch zählen, ob eine Meinung „richtig“ ist oder „falsch“. Und wenn sie nicht „richtig“ ist, dann holt man eben eine Werkzeugkiste zur Schizophrenie-Behandlung.
Das eigentliche Problem der Methode liegt nicht darin, dass Menschen zu sicher in ihren politischen Überzeugungen sind – unabhängig davon, ob diese faktenbasiert sind oder auf falschen Informationen beruhen. Es liegt vielmehr darin, dass bestimmte politische Überzeugungen überhaupt als Problem betrachtet werden. Eine Demokratie lebt nicht davon, dass ihre Bürger möglichst vorsichtig denken sollen. Sie lebt davon, dass Bürger Positionen haben und diese auch vertreten dürfen. Und wenn diese Positionen anderen nicht gefallen, muss eine Demokratie genau das aushalten.
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Bild: KI/Grok






