Ein Erklärungsansatz für eine zersplitterte Gesellschaft übersieht, dass Andersdenkende in der Diskussion keinen Platz finden. Kann man eine Gesellschaft überhaupt zusammenführen, wenn man bestimmte Stimmen konsequent für unerwünscht erklärt?
Gestern, am 12.08.2026, ist bei Focus der Artikel „Deutschland zersplittert: Was ist eigentlich noch „normal“? erschienen, der versucht herauszufinden, warum der Zusammenhalt hierzulande in den letzten Jahren so stark bröckelt. Die These: Die Gesellschaft sei nicht mehr in zwei politische Lager – links und rechts – geteilt, sondern in mehrere „Milieus“ mit eigenen Wertesystemen und dem Verständnis davon, was „gut“ und was „böse“ ist, die ihre eigene Wirklichkeit leben und die Wirklichkeit eines anderen „Milieus“ als eine Art „fremde Ordnung“ wahrnehmen, die für die eigene Blase bedrohlich ist. Deshalb seien laut FOCUS auch keine argumentativen Diskussionen zwischen zwei unterschiedlichen „Wirklichkeiten“ mehr möglich.
Auch wenn der Erklärungsansatz im Artikel durchaus interessant ist, ist er doch mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Nicht nur, weil das Blatt regelmäßig eben zu dieser „Zersplitterung“ mit seinen Artikeln selbst beiträgt, indem es beispielsweise gerade in der Corona-Zeit Andersdenkende als Schwurbler bezeichnete und auch solche Artikel wie „Ethiker warnt vor falschen „Kampfbegriffen“: „2G hat nichts mit Diskriminierung zu tun“ (09.11.2021) oder „Stellen Sie Fragen“: Expertin sagt, wie Sie mit Verschwörungs-Schwurblern am besten umgehen (29.12.2021) veröffentlichte. Sondern auch, weil der Artikel um das Phänomen „Zersplitterung“ eher herumphilosophiert, ohne aber zu versuchen, es zu erklären. Auch die Umfrage, auf die er sich bezieht, bei der 86 Prozent der Befragten mehr Beleidigungen und Respektlosigkeit und 81 Prozent mehr Aggressivität wahrnehmen, weist eher darauf hin, welche Zielgruppen befragt wurden. Wer sind denn diejenigen, die sich beleidigt fühlen? Wer sind diejenigen, die respektlos behandelt wurden?
Würden kritische Stimmen und Andersdenkende, die spätestens seit der Corona-Zeit regelrecht Schikanen, Diffamierungen, berufliche Konsequenzen, ja sogar rechtliche und politische Verfolgung erleben, bei so einer Umfrage sagen, dass sie sich beleidigt fühlen? Könnten solche Erfahrungen überhaupt mit „mehr Aggressivität im gesellschaftlichen Miteinander“ beschrieben werden? Für sie wäre das eher etwas sehr Konkretes: Ihre Meinungen haben einen Preis. Und dieser Preis ist keine Beleidigung und kein respektloser Umgang. Dieser Preis kann heute die berufliche Existenz kosten, enormen Druck durch die Mitmenschen bedeuten, eine Kündigung, eine Strafe oder sogar eine Haft sein. Und wenn Menschen deshalb beginnen, ihre Meinung zu verschweigen, sich nur noch innerhalb ihrer eigenen Blase zu bewegen oder öffentliche Debatten zu meiden, ist das nicht einfach ein Problem unterschiedlicher „Wirklichkeiten“. Das ist ein Problem eines solchen gesellschaftlichen Klimas, das diese „Wirklichkeiten“ überhaupt erst schafft.
Man braucht hier deshalb keine aufwendige Milieutheorie und keine Umfragen, um festzustellen, dass in Deutschland seit vielen Jahren einiges schief geht mit der Meinungsfreiheit und mit der Spaltung der Gesellschaft. Und man braucht keine Pseudo-Diskussionen um solche Themen, solange die kritischen Stimmen eben aus solchen Diskussionen ausgegrenzt werden. Die Erklärung ist ganz einfach, aber möglicherweise spielt sie inzwischen keine Rolle mehr, weil die Absicht eines gesunden gesellschaftlichen Diskurses überhaupt nicht mehr da ist.
Wenn wir einfach schauen, wie viel – inzwischen institutionell – für den Schutz vor eben anderen Stimmen unternommen wird, dann fragt man sich, ob es hierzulande überhaupt darum geht, wieder zueinander zu finden? Vielmehr entsteht der Eindruck, dass es eher darum geht, zu definieren, welche Stimmen überhaupt als akzeptabel gelten. Eine Gesellschaft kann man nicht zusammenführen, wenn man einen Teil der Stimmen konsequent für unerwünscht erklärt.
Abschließend noch einige Leserkommentare unter dem Focus-Artikel. Sie zeigen besser als alle Umfragen, was in unserer Gesellschaft schiefläuft. Die Menschen sehen es längst selbst. Und das ist der trostloseste Teil der ganzen Geschichte.
„Ich denke, das war der Plan. Das “Deutsche Volk” in immer kleinere Gruppen aufzuspalten und diese Fragmente dann in beständigen Streit miteinander zu halten.
Womit haben wir solche Regierungen verdient? Wir waren doch “brav” und regierungsgläubig, haben immer schön pünktlich unsere Steuern bezahlt . Nun habe ich den Eindruck, wir sind 70 Jahre ordentlich betrogen worden“
„Der Verfasser hat völlig recht. Aber er versäumt es, die Verantwortlichen beim “Namen“ zu nennen. Politische Korrektheit ist das Problem. Die Politik der Altparteien, welche seit Jahren in der Form, wie sie ihre Innen- und Aussenpolitik den Menschen verkaufen, lässt keine Kritik zu und spaltet unser Land. Wer die Verhältnismäßigkeit von Corona Maßnahmen, selbst wenn es weltweit anerkannte Experten waren, bezweifelte, war für unsere Politiker nichts anderes als ein Corona Leugner (was sie hingegen niemals getan haben)…“
„Wo soll der Zusammenhalt herkommen?
Diese, vermeintlichen demokratischen Parteien, versuchen die Bürger zu gängeln und mit Vorschriften und Einschränkungen von sich abhängig zu machen. Eigenes Denken und gesunder Menschenverstand werden ausgeschaltet um die Parteiideologie durchzusetzen.
Wird Zeit vom Bürger mehr Eigenverantwortung zu fordern und die meisten Vorschriften zurückzunehmen.
Werden die aber nicht wollen und wenn, dann nicht hinbekommen.“
„Seit Argumente durch Nazigleichsetzung ersetzt wurden ist die Spaltung vollzogen. Was soll man mit jemand der mit der Nazikeule kommt noch diskutieren.“
„Lasst gut sein. Der Zug ist abgefahren. Was allein diese “Linken” am Wochenende wieder von sich gegeben haben ist völlig hirnrissig. Dazu die Regenbogenfraktion, die Klimawandelfanatiker, Islamisten & Co. Ja wo bleibt denn da der normale Mensch noch?! Vergesst es…“
„W I R wurden durch die Politik unserer Identität beraubt. Teile derselben haben dies wohl erkannt, sind und waren aber nicht bereit diese Zustände zu ändern. Das „WIR“ Gefühl leben uns jetzt andere in unser Sozialsystem geströmte Personengruppen vor und nichts wird dagegen unternommen. Diese der deutschen Bevölkerung angetane Unverschämtheit und die absolute Unfähigkeit der gewählten Personen wird ihre Konsequenz in der nächsten Wahl haben. Alles was dann hoffentlich zu einem Ende, der für alle klar und normal denkenden Bürger unseres Landes, unerträglichen gewordenen Lebensumstände führen wird, hat sich die tatenlose Politik und ihre Unterstützer selbst zu zu schreiben.“
„Ich denke, wir Deutschen sind ein sehr obrigkeitshöriges Volk. Und wer die Meinung der Obrigkeit nicht teilt ist damit schlichtweg für große Teile der Bevölkerung uneinsichtig, wenn nicht gleich dumm. Und mit solchen Menschen redet man nicht. Aus gutem Grund. Sie erzählen ja nur Blödsinn, Dinge, von denen sie in den Nachrichten bei ARD und ZDF noch nie etwas gehört haben. Und in diesem Punkt haben sie womöglich sogar recht.“
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Bild: KI






