QUERBLICK

Warum stört es uns, wenn Schneewittchen keinen Prinzen mehr braucht?

von Ekaterina Quehl | Mai 13, 2026 | Gesellschaft

"Warum regen sich Menschen über neue Versionen von Schneewittchen, Arielle oder Snape so auf? Es geht nicht um Hautfarbe oder Rollenbilder – sondern um das Gefühl, dass Vertrautes bewusst umgedeutet wird.

 

Immer wieder erleben wir, dass bekannte Figuren aus der Literatur und Kultur systematisch neu besetzt oder umgeschrieben werden. Arielle wird schwarz, Schneewittchen wird lateinamerikanisch besetzt. Kleopatra bekommt eine afroamerikanische Darstellerin, obwohl sie zur makedonisch-griechischen Dynastie gehörte. Die Liste ist lang.

Als der erste Trailer zur neuen Harry Potter-Serie von HBO erschien und Paapa Essiedu als Snape gezeigt wurde, brach im Netz die übliche Hölle los. Empörte Gegenstimmen und Morddrohungen gegen den Schauspieler, auf der einen Seite. Vorwürfe des Rassismus an alle, die sich beschwerten – auf der anderen.

Auch wenn man noch hoffen darf, dass die meisten Menschen bei gesundem Menschenverstand sind, sorgen solche Umschreibungen von kulturellen Symbolen immer wieder für Empörung.

Warum ist uns so wichtig, dass das Schneewittchen weiß bleibt und von einem Prinzen gerettet wird, obwohl sie in der modernen Uminterpretation gar keinen Prinzen mehr braucht, um gerettet zu werden? Mehr noch: Das moderne Schneewittchen kann alle Antagonisten ganz allein besiegen und zwischendurch auch die Welt retten.

Doch in unseren Köpfen bleibt sie immer zerbrechlich und schutzbedürftig. Genauso wie Snape in unseren Köpfen blass sein soll. Dabei geht es gar nicht um die Hautfarbe oder Frauenrechte – auch wenn viele versuchen, so zu tun, als ob das so wäre.

Es geht um etwas, was einerseits sehr einfach ist und andererseits sehr schwer zu greifen: Ein Gefühl, dass jemandem etwas weggenommen wird. Etwas, womit man großgeworden ist und das niemals negativ belegt war. Etwas mit einer emotionalen Bindung und deshalb etwas unglaublich Wichtiges. Und das ist nichts Abstraktes: Man verbindet solche Figuren mit konkreten Momenten aus dem eigenen Leben. Die Stimme der Mutter beim Vorlesen, schlaflose Nächte mit einem Buch in den Händen, lustige Freundesabende mit Abendfilmen… Und plötzlich sollen die Bedeutungen und Werte, die man für stabil hielt, uminterpretiert werden, weil jemand so entschieden hat.

Es fühlt sich dann nicht wie eine kreative und moderne Entscheidung an, sondern wie ein Eingriff in etwas Vertrautes. Die Reaktion, die darauf folgt, hat nichts mit einem rechten Gedankengut oder Frauenfeindlichkeit zu tun. Es geht um Reaktanz – im Grunde einen Trotz-Reflex – darauf, dass einem vorgeschrieben wird, wie er zu denken hat. Und Bevormundung wurde noch nie von denjenigen als positiv empfunden, die man bevormunden wollte.

 

Moralisierender Narzissmus

Auch wenn wir schon seit Jahren mit den Tendenzen leben müssen, bei denen Sprache, Kunst, Kultur, Geschichte durch einen bestimmten Filter laufen, ist immer ein Blick auf die Mechanismen spannend, die hinter solchen Tendenzen stecken.

Esther Bockwyt, Psychologin und Autorin des Buchs „Woke. Psychologie eines Kulturkampfs“ beschreibt Wokeness als ein geschlossenes Glaubenssystem, in dem Marginalisierte Opfer sind, die sich selbst und die eigene Gruppe „zum progressiven Kämpfer für das Gute, für empathische Sensibilität und für Gerechtigkeit“ erheben. In einer solchen woke-aktivistischen Rolle kann man das eigene Selbst narzisstisch aufwerten und in Szene setzen. Woke wird zum Statussymbol. Die Fremdgruppe der Privilegierten wertet man als „alte weiße Männer“, Kolonialverbrecher, Rassisten und Ähnliches ab, um sich über sie erheben zu können.

Es geht dann gar nicht mehr um den Schutz eigener Rechte und die Vertretung eigener Werte gegenüber der Mehrheit, also den „Tätern“. Es geht darum, Menschen gleich zu „canceln“, sobald sie etwas sagen oder tun, das nicht in das eigene Weltbild passt. Wer fragt „Woher kommst du?“, diskriminiert. Wer Rastalocken trägt und weiß ist, ist böse und rechts.

Diese Weltanschauung ist im Grunde sehr depressiv: Überall lauert Diskriminierung, jedes Wort kann Gewalt sein, jede Begegnung ist potenziell giftig. Und wer das wirklich glaubt, lebt in einem Dauerzustand der Bedrohung. Und weil man aus diesem Zustand kaum herauskommt, ohne entweder aufzugeben oder zu kämpfen, wählen Aktivisten den Kampf – das gibt wenigstens das Gefühl, etwas zu tun.

Wer in einem Land aufgewachsen ist, in dem Kultur nie einfach Kultur war, sondern immer eine Aufgabe hatte, erkennt solche Tendenzen sofort. In der Sowjetunion hieß das Ziel „der neue Mensch“ – eine Idealfigur, die kollektivistisch denkt, kämpferisch und disziplinorientiert ist. Literatur und Film hatten die Aufgabe, diesen Menschen zu formen. Figuren, die nicht passten, wurden gestrichen oder umgeschrieben.

Natürlich ist Disney keine Sowjetunion und HBO keine kommunistische Baustelle. Aber der Mechanismus ist der gleiche – Kultur als Erziehungsinstrument, Figuren als Träger von Botschaften. Und er taucht immer dann auf, wenn eine Bewegung fest genug davon überzeugt ist, dass sie weiß, wie die Welt aussehen soll.

Geschichten verändern sich ständig. Aber wenn man merkt, dass sie nicht mehr einfach erzählt, sondern bewusst in eine bestimmte Richtung gelenkt werden, entsteht Widerstand. Nicht, weil Menschen gegen Neues sind. Sie spüren einfach, dass etwas Vertrautes und Wichtiges umgedeutet wird.


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