Falls Sie in Berlin schon immer etwas Besonderes erleben wollten, können Sie sich jetzt bei der Aktion „Saubere Hauptstadt“ moralisch umerziehen lassen. Als Belohnung fürs Müllsammeln winken Rabattaktionen, die es aber in sich haben. Doch viel wichtiger ist: „Wir hoffen auf eine Veränderung von Verhalten“.
Falls Sie mal wieder einen Kurzurlaub in Berlin machen wollen und etwas anderes erleben als die banalen Ausflüge zur East-Side-Gallery oder Museumsinsel, lassen Sie sich von einer neuen Tourismus-Aktion à la sowjetische Erziehungstour von der Berliner Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey inspirieren. Gehen Sie Müll sammeln!
Giffey startet eine Test-Aktion „Saubere Hauptstadt“ und lädt Touristen dazu ein, gegen Gratis-Drinks und Rabattaktionen Müll aus den Berliner Gewässern zu sammeln. Der pädagogische Feldversuch startete am 14. Mai und ist zunächst auf einen Monat begrenzt.
Zwar soll das Projekt im Rahmen des Themenjahres Wassertourismus das „verantwortungsbewusste Verhalten an und auf Berlins Gewässern fördern“, doch begründet wird die Aktion mit Problemen bei der Berliner Stadtreinigung, die 170 Millionen Euro pro Jahr dafür ausgibt, Straßen, Gehwege und Parks sauber zu halten. Was Wassertourismus mit den Reinigungskosten der Stadt zu tun hat, ist dabei wahrscheinlich weniger relevant als der pädagogische Anspruch der Aktion: „Wir hoffen aber auf eine Veränderung von Verhalten“, sagt Giffay.
Die Mission soll nach dem Vorbild CopenPay laufen, im Rahmen dessen Kopenhagen den Teilnehmern, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit dem Fahrrad anreisen oder mal eine Stunde Müll sammeln, Gratis-Getränke, Restaurant-Rabatte oder freien Eintritt in Museen erhalten.
Falls Sie bereits den Wunsch verspüren, sich durch Müllsammeln an Berlins Gewässern moralisch weiterzuentwickeln, schauen wir uns genauer an, wie die Aktion in der Hauptstadt Deutschlands läuft. Hier ein paar Beispiele:
KayakBerlinTours: Während Ihrer Kayak-Fahrt dürfen Sie Müll sammeln und das bereits für unsagbare 5 statt 29 Euro. Lassen Sie sich nicht davon irritieren, dass Sie für Ihr nachhaltiges Engagement auch noch selbst bezahlen müssen. Ihre Verhaltensänderung ist viel wichtiger.
GoBoat: Falls Sie während Ihres Urlaubs keinen Bedarf haben, auszuschlafen, seien Sie pünktlich um 9.30 Uhr am Osthafen Berlin, wo Sie, ausgerüstet mit einem Fischernetz, auf einem E-Boot „nach Pizzakartons, Flaschen, Plastiktüten“ angeln können. Das Ganze selbstverständlich nur mittwochs — und auch nur, wenn Sie gleich sieben weitere Müllenthusiasten mitbringen.
Strandbad Plötzensee: Kaufen Sie sich zuerst ein reguläres Eintrittsticket, um anschließend 90 Minuten lang mit Müllzange und Müllbeutel um den See zu laufen oder auf einem SUP-Board Abfall aus dem Wasser zu fischen. Als Belohnung bekommen Sie danach einen Gutscheincode für eine Freikarte.
Mit anderen Worten nimmt Berlin Steuergeld, organisiert damit Müllsammel-Tourismus und verkauft den Leuten anschließend das Gefühl von Sinn, Nachhaltigkeit und Aktivismus — während dieselben Leute vorher noch Geld bezahlen müssen, um überhaupt Müll sammeln zu dürfen. Das erinnert an einen kommunistischen Subbotnik im April, bei dem Schüler, Studenten, Mitarbeiter und natürlich Kommunisten freiwillig-obligatorisch – wie man auf Russisch so schön sagt – öffentliche Einrichtungen putzen mussten. Der Unterschied besteht nur darin, dass man heute für „ideologische Pflichtarbeit“ einen Rabattcode für eine Biolimonade bekommt und dabei auch noch glaubt, man hätte gerade Urlaub gemacht.
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Bild: pexels.com






