Das Thema Toiletten ist aktuell auffällig politisch und administrativ aufgeladen. Debatten, Studien, Projekte, Vereine – entsteht um das Problem ein absurdes Fassadennetzwerk, damit man es nicht lösen muss, oder steckt etwas anderes dahinter?
In den letzten Tagen ist mir beim Nachrichten-Lesen immer wieder aufgefallen, dass das Thema Toiletten besonders intensiv behandelt wird – sowohl in der Politik als auch in den großen Blättern wie Focus, BR, Berliner Zeitung oder Welt. Bayern feiert seit Tagen eine Toiletten-Parität. Die einen Grünen produzieren politisch-feministische X-Videos, in denen sie sich gegen strukturelle Benachteiligung von Frauen einsetzen, weil Frauen „häufiger müssen“ und „länger brauchen“. Währenddessen fordern die anderen Grünen mehr Unisex-Toiletten.
großartige 45 sekunden, die ganz wunderbar beschreiben, weshalb Deutschland komplett cooked ist. pic.twitter.com/XqKBve3Ozw
— UntergrundBonn (@UntergrundBonn) May 19, 2026
Seit Tagen feiert Deutschland das Projekt toiletten-machen-schule.de – ein Portal, auf dem Kinder „eine Mission starten“ sollen, wenn es an ihren Schulen marode Toiletten gibt. Hausmeister oder Schulleitung können sich wahrscheinlich bequem zurücklehnen, weil auf diesem Portal das Toiletten-Problem eine politische Dimension annimmt. Das Portal animiert die Kinder nämlich, Teams zu bilden und Projekte zu gründen, um an Toiletten-Wettbewerben teilzunehmen. Dabei gibt das Portal wertvolle Tipps, wie man dabei am besten vorgehen soll. Und am Ende: „Schulen zeigen ihre Ideen und euer Toiletten-Wissen wächst mit jedem Artikel.“ Im Übrigen verweist das Portal auf eine Berliner Studie über Toiletten, um allen Ernstes wissenschaftlich nachzuweisen, „dass die Mehrheit der Schüler*innen ihre Schultoiletten negativ wahrnimmt“.


Quelle: https://toiletten-machen-schule.de
„Pissen* ist politisch“
Auch im feministischen Diskurs spielt die Politisierung biologischer Selbstverständlichkeiten eine zentrale Rolle. In einer „Geo-Rundmail“ „Pissen* ist politisch“ wird die Toilettenfrage in einen ideologischen Deutungsraum überführt und zu einer Projektionsfläche für Patriarchat und Kapitalismus: „Westliche Gesellschaften sind durch die Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit als natürliches und unveränderliches Merkmal geprägt. Vielmehr ist Geschlecht als soziale Kategorie mit normativer Macht zu verstehen (vgl. Wastl-Walter 2010: 9). Dieser Ansatz wird von verschiedenen Autor*innen aufgegriffen, um anhand von öffentlichen Toiletten aufzuzeigen, dass Frauen* trotz jahrhundertelangem Kampf für Gleichberechtigung noch immer benachteiligt werden.“
Und wenn man nach all diesen Nachrichten auch noch das Wort „Toilette“ in die Google-News-Suche eingibt, bekommt man den Eindruck, als ginge es um einen UN-Gipfel.
Deutschland, was ist los?
Es geht nicht darum, dass es nicht ausreichend Frauentoiletten auf Veranstaltungen gibt und nicht darum, dass Schultoiletten an vielen Schulen marode sind. Und auch nicht darum, dass Toiletten unwichtig wären. Es geht darum, dass zur Lösung eines biologisch-bedingten Problems ein moralisch-administratives Gesamtkunstwerk entwickelt werden muss, bevor man – wenn überhaupt – an die Lösung dieses Problems herantritt.
Stellvertretend für andere Probleme
Das Land hat massive Infrastrukturprobleme, Straßen sind kaputt, die Bahn kollabiert, die Schulen sind marode und die Verwaltung ist fast noch so analog wie in den 90ern. Aber für kaputte Toiletten muss Politik her. Es werden digitale Infrastrukturen und Beteiligungskonzepte entwickelt, Studien erstellt, Vereine und Netzwerke gegründet und Workshops veranstaltet.
Und dieses Trudeln um ein Problem herum, ohne es zu lösen, steht inzwischen stellvertretend für so viele Problembereiche in diesem Land, dass man fast ein Ritual der Problembearbeitung daraus machen könnte:
- Problem entsteht
- Niemand löst es
- Studie erscheint
- Interessengruppen treten auf
- Identitätspolitische Debatten beginnen
- Ein Portal entsteht
- Ein Verein wird gegründet
- App programmiert
- Leitfaden veröffentlicht
- Fördermittel beantragt
- Vorhaben gestartet
- Arbeitsplätze geschaffen
- Millionen Euro Steuergelder ausgegeben
- Problem besteht weiterhin
Und so wird um das Problem herum ein kafkaeskes Fassadensystem entwickelt, bis sich das eigentliche Problem in ihm auflöst. Spannend bleibt die Frage, ob währenddessen jemand auf die Idee kommt, die Millionen Euro Steuergelder, die für solche Systeme ausgegeben werden, ausnahmsweise direkt in die Lösung des Problems zu investieren. Aber das ist wahrscheinlich weniger attraktiv als der politische Profit aus X-Videos oder bundesweite Schulwettbewerben.






