QUERBLICK

Künstliche Intelligenz: Heute schon gedacht?

von Ekaterina Quehl | Mai 6, 2026 | Glosse, Künstliche Intelligenz

"KI macht Arbeit und Alltag deutlich leichter – und ersetzt zunehmend eigenes Denken. Neue Studien zeigen, wie stark KI-Nutzung unsere kognitiven Fähigkeiten beeinflusst.

 

Jeder Fortschritt, der uns entlastet, nimmt uns auch etwas ab. Schon Platon hat die Schriftsprache kritisiert und vor dem Verlust des Gedächtnisses gewarnt. Die Einführung der Elektrizität stieß auf erhebliche Skepsis und Ängste der Bevölkerung. Als die ersten Automobile aufkamen, wurden sie wegen sozialer Spaltung, Gefahren und Lärm von vielen abgelehnt. Bisher hat der Mensch es jedoch geschafft, neue Errungenschaften zu nutzen ohne dabei sein Denken auf den Altar der Technologie zu legen. Jetzt haben wir Künstliche Intelligenz. Und vielleicht irgendwann keinen mehr, der in der Lage ist, sie zu kritisieren?

Der Gedanke ist nicht sehr weit hergeholt, denn viele Experten warnen inzwischen vor Verlust kognitiver Fähigkeiten durch die Nutzung der KI. „Schon zehn bis 15 Minuten Arbeit mit einem KI-Assistenten reichen aus, um die Problemlösefähigkeit und die Ausdauer in nachfolgenden Aufgaben ohne KI messbar zu senken.“, zeigt eine neue Studie aus den USA.

Laut einer Umfrage des Pinktum Instituts nutzen inzwischen 80 Prozent der Beschäftigten in Deutschland KI am Arbeitsplatz. 43 Prozent davon geben an, dass sie KI nutzen, weil sie sich gar nicht erst tiefer mit Themen auseinandersetzen wollen. Dabei ist genau das für diejenigen gefährlich, die Wert auf kognitive Fähigkeiten ihres Gehirns legen. Eine weitere Studie der SBS Swiss Business School „identifizierte eine starke negative Korrelation zwischen häufiger KI-Nutzung und kritischem Denken“. Je öfter Mitarbeiter auf KI zurückgreifen, desto schwächer scheinen ihre analytischen Fähigkeiten zu werden.“ Das Ergebnis der KI-Nutzung mag zwar effizienter sein – die Beteiligung des eigenen Gehirns dafür aber weniger. Als Folge: Wenn wir bestimmte Fähigkeiten nicht brauchen, verlieren wir sie irgendwann. Ob das für die Gesellschaft im Allgemeinen ein großer Verlust wäre, ist fraglich, aber persönlich wäre es viel zu schade, an der häufigen KI-Nutzung zu verblöden. Der einzige Trost wäre, dass man dann wahrscheinlich nicht mehr in der Lage wäre, es selbst zu merken.

Diejenigen, die noch zu retten sind, sollten die KI als Denkpartner benutzen und nicht als Denkersatz – empfehlen Experten des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Bildungswissenschaftler. Auch trösten sie damit, dass die „Verblödung“ reversibel ist, wenn man wieder anfängt, das eigene Gehirn zu trainieren.

KI als „Gehirn-Ersatz“

Die eigentliche Frage ist aber, ob diejenigen, die auch ohne Experten und Studien nicht selbst darauf gekommen sind, die KI nicht als Gehirn-Ersatz sondern als ein Partner oder Helfer zu benutzen, auch selbst darauf kommen können, ihr Gehirn wieder zu trainieren und auch in den Situationen wieder einzusetzen, in denen es sonst immer gebraucht wird.

Man kann Platon für glücklich schätzen, dass er die KI nicht erleben musste. Seine Sorge, dass die Schrift das Gedächtnis ruinieren würde, wirkt heute fast rührend. Hätte er geahnt, dass wir irgendwann nicht nur das Erinnern, sondern gleich das Denken selbst auslagern würden, hätte er sich sein Werk Phaidros wahrscheinlich sparen können.


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