Das Auswärtige Amt schafft Sternchen und Doppelpunkt ab. Doch der sprachliche Umbau hat sich inzwischen in vielen Bereichen verselbstständigt und ist zu einer moralischen Selbstverpflichtung geworden.
Am 16.07.2026 kam die erfreuliche Meldung, dass das Außenministerium in seinem Intranet eine neue Sprachregelung eingeführt hat, nach der der Genderstern und der Doppelpunkt abgeschafft werden. Diese Änderung lässt hoffen, dass zumindest im diplomatischen Bereich auf die ideologische Verzerrung der Sprache verzichtet wird. Doch es heißt noch lange nicht, dass diese Nachricht auch deutschlandweit einen Einfluss auf die Verwendung der Sprache haben wird. Denn mittlerweile gendern viele freiwillig und manche Strukturen wie Behörden, NGOs und Bildungseinrichtungen haben bei sich nicht nur Gendersprache etabliert, sondern auch die sogenannte inklusive Sprache, die deutlich über den Doppelpunkt und den Genderstern hinausgeht.
Als Nicht-Muttersprachlerin bewegt mich dieses Thema sehr. Die ersten 5–6 Jahre meines Lebens in Deutschland habe ich die Sprache gelernt – obwohl ich sie schon in meiner sowjetischen Schule gelernt hatte. Und bei all den Miseren der Sowjetunion muss man deren Bildungssystem – zumindest in den Hauptstädten – wirklich loben. Deutsch wurde uns noch mit Goethe, Schiller und Heine beigebracht. Wir haben unter der komplizierten deutschen Grammatik gelitten und das „r“ mühsam geübt, dessen Aussprache vielen Russen besonders schwerfällt.
Als ich nach Deutschland kam, dachte ich, dass mein Deutsch passabel ist. Doch es reichte gerade nur für den Alltag. Vom Arbeiten oder Studieren konnte noch nicht die Rede sein. Geschweige denn davon, Akzente wie die „Berliner Schnauze“ oder Redewendungen wie „Radieschen von unten ansehen“ zu verstehen. Auch hatte ich peinliche Pannen. Zum Beispiel wurde ich mal per Telefon gefragt, wie die Straße heißt, auf der ich mich gerade befand, um abgeholt zu werden. Ich habe nach einem Schild gesucht, und als ich es dann sah, sagte ich fröhlich: Ich bin gerade in der „Einbahnstraße“. Also habe ich noch einige Jahre Deutsch in Deutschland gelernt, bis ich es irgendwann auf das Niveau brachte, auf dem ich jetzt meine Artikel schreibe. Ich habe Respekt gegenüber der deutschen Sprache und ich respektiere auch diejenigen Ausländer, die sich hierzulande Mühe geben, sie zu lernen – obwohl dies eigentlich selbstverständlich sein sollte.
„Xier“, „day“ und „gelesene Menschen“
Und was machen die moralisch aufgeladenen Ideologen? Sie politisieren die Sprache, verzerren sie und machen sie zu einer Sprache, die mehr an das Orwell‘sche Neusprech erinnert und immer weniger an sprachliche Klarheit und Ästhetik. Es tut mir innerlich weh, wenn ich eine Atempause bei Wörtern wie Benutzer…innen oder Ärzt…innen höre oder wenn Frauen als „Menschen mit Uterus“ und Ausländer als „Personen mit Einwanderungsgeschichte“ oder als „Migrant*innen“ bezeichnet werden. Dabei geht es überhaupt nicht darum, dass diese Menschen sich nicht so ausdrücken dürfen. Es geht darum, dass Sprache dadurch zunehmend zum Träger einer bestimmten Ideologie wird.
Die Wortschöpfungen der sogenannten inklusiven Sprache nehmen immer absurdere Auswüchse an: von „Menstruierende“ über „männlich gelesene Menschen“, „migrantisch gelesene Personen“, „asiatisch gelesene Menschen“, „misgendern“ bis hin zu Neopronomen wie „xier“, „dey“ oder „nin“. Selbst Diffamierungen von kritischen Stimmen werden in der Welt der „linksgrünrot gelesenen Menschen“ geschlechtergerecht ausgedrückt: „Maskenverweigernde“, „Verschwörungstheoretiker:innen“, „Faschist*innen“, „Schwurbler:innen“ etc.
Gendern für Ausländer leicht gemacht
Inzwischen gibt es beim Goethe-Institut, dem Institut, das sich der weltweiten Förderung der deutschen Sprache verschrieben hat, sogar Arbeitsblätter zum korrekten Gendern im Pridemonat.
„Viele Nomen für Personen und Berufe im Deutschen haben eine maskuline und eine feminine Form: der Schüler und die Schülerin. Und wenn man alle ansprechen möchte? Früher sagte man dann einfach: ‘’Liebe Schüler’’. Heute ist das nicht mehr so normal. Deutsch hat viele Optionen die Genderdiversität auszudrücken.“ Weiterhin werden die Schüler aufgefordert, in einer Übung ihre Statements zum Gendern abzugeben und sie zu begründen.
Auch beim Ernst-Klett-Verlag, der viele Lehrbücher für Deutsch als Fremdsprache herausgibt, finden sich solche Arbeitsblätter und Übungen. So sollen Schüler im Übungsblatt „Sprachgebrauch bewusst wahrnehmen“ diskutieren, ob „statt zu gendern („die Schülerin und der Schüler“, „die SchülerIn“), Rollen- und Berufsbezeichnungen im Deutschen als Neutrum ausgedrückt werden („das Schüler“)“ sollen. „Erst wenn das biologische Geschlecht relevant wird, erfolgt die Zuweisung („Im Kurs sind acht Schüler und zehn Schülerinnen“).“
Genderkodex und Diversitybüro
Viele Universitäten verpflichten sich eigenständig, die inklusive Sprache zu benutzen. Hier nur zwei Beispiele.
Die Universität Konstanz hat freiwillig einen eigenen „Genderkodex“ eingeführt, den sie selbst „Anspruchsvolle Selbstverpflichtung“ nennt.
„Der Gender Kodex ist eine Selbstverpflichtung der Universität Konstanz zur Geschlechtergerechtigkeit. Damit hat die Universität anspruchsvolle Standards in zehn Handlungsfeldern festgeschrieben und so für alle Wissenschafts- und Verwaltungsbereiche eine verbindliche Handlungsgrundlage geschaffen.“
Die Universität des Saarlandes hat neben einem Büro für inklusives Studium, einer AG Antirassismus, einem AK Queer und einer Stabsstelle Chancengleichheit und Diversitätsmanagement auch ein Diversity-Büro. Zu seinen Aufgaben gehören unter anderem „Koordination und Umsetzung von Maßnahmen für diversitygerechtes Studieren und heterogenitätsorientierte Lehre und Forschung“, „Diversity Monitoring“ sowie „Organisation und Durchführung von Trainings zur Sensibilisierung für Diversität und Diskriminierung“. Die inklusive Sprache wird somit zu einem politischen Werkzeug.
Gendern für die Kleinsten
Selbst in Kitas wird die geschlechtergerechte Sprache längst praktiziert. So schreibt etwa die Kita Mary Poppins: „In unserer täglichen Kommunikation mit den Kindern achten wir auf geschlechtergerechte Sprache.“ Auch Kita-Fachkräfte werden entsprechend geschult. Die Berliner Fachstelle für queere Bildung QUEERFORMAT bietet gemeinsam mit dem Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut (SFBB) Seminare zur „geschlechter- und diversitätsgerechten Sprache in der Kita“ an.
Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen mit gesundem Menschenverstand nicht die geringste Absicht haben, jemanden zu beleidigen oder zu diskriminieren, wenn sie nicht gendern oder keine inklusive Sprache benutzen. Es geht vielmehr um die Bevormundung und um den Anspruch einer Minderheit, nicht nur zu bestimmen, wie die Mehrheit sprechen, sondern auch, wie sie denken soll. Denn die meisten Argumente für das Gendern werden mit der These begründet, dass die Sprache unser Denken, unsere Wahrnehmung und unser Handeln beeinflusst.
Besonders absurd ist es für mich, wenn Ausländer, die gerade erst Deutsch lernen wollen oder müssen, und Kinder, die gerade erst sprechen lernen, gleich die passende ideologische Gebrauchsanweisung mitgeliefert bekommen. Sprache wird damit nicht „inklusiver“, sondern zu einem Instrument moralischer Kontrolle, die häufig unter dem Mantel einer freiwilligen Selbstverpflichtung versteckt ist.
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