Mit Grenzchaos, Visa-Horror und leerem Datenvolumen wirbt das Europäische Parlament zum Europatag für die EU. Die Reaktionen auf den Spot zeigen, dass Europäer inzwischen andere Sorgen haben als fehlendes Roaming.
„Manchmal nehmen wir die EU vielleicht als selbstverständlich hin.
Aber stellen Sie sich einmal ein Europa ohne die EU vor.Was wäre, wenn all das, was uns jeden Tag still und leise schützt und stärkt, plötzlich verschwinden würde?
Wir müssen das schützen, was uns wichtig ist.
Feiern wir an diesem Europatag unsere Einheit.“
Mit diesen Worten (übersetzt aus dem Englischen) veröffentlicht das Europäische Parlament einen Werbespot zum Europatag am 9. Mai. Er zeigt eine dystopische Vision eines Europas ohne Europäische Union – ein Alltag ohne offene Grenzen, mit Visa-Problemen, unbezahlbaren Roaming-Gebühren und Lieferketten, die an Grenzkontrollen scheitern. Eine Art Endzeitfilm für Menschen mit kaputtem DHL-Tracking und leerem Datenvolumen.
Der Spot beginnt damit, dass eine junge Frau morgens panisch aufwacht und feststellt, dass ihr Freund verschwunden ist. Während sie sich einen Kaffee macht, laufen im Fernsehen Breaking News über kilometerlange Staus an der Grenze zwischen Lettland und Estland. Menschen warten dort stundenlang auf die Einreise. Kurz darauf erhält die Frau eine E-Mail mit der Mitteilung, dass ihr Auto nicht repariert werden könne, weil notwendige Ersatzteile an der Grenze feststecken. Dann ruft ihre Mutter aus Spanien an und erklärt, dass ihr Visum abgelehnt wurde und sie sie deshalb nicht besuchen dürfe. Mitten im Gespräch bricht die Verbindung plötzlich ab – das Roaming-Volumen ist aufgebraucht. Die Frau wirkt zunehmend verzweifelt. Erst am Ende stellt sich heraus, dass alles nur ein Albtraum war. Die junge Frau wacht neben ihrem Freund auf und erzählt ihm erleichtert von ihrem Traum über ein Europa ohne EU und ohne Erasmus-Programm – jenes Programm, durch das sich beide offenbar kennengelernt haben.
Sometimes, we might take the EU for granted.
But imagine Europe without the EU.
What if the things that quietly protect and empower us every day suddenly disappeared?
We must protect what matters to us.
This Europe Day, let’s celebrate our unity. pic.twitter.com/3TvFBzD8Hm
— European Parliament (@Europarl_EN) May 9, 2026
Szenenwechsel: Realität
Wie die Realität in der Europäischen Union tatsächlich aussieht, braucht man an dieser Stelle nicht zusätzlich auszuführen. Das haben bereits viele in den zahlreichen Kommentaren unter diesem Video geschrieben. Hier nur einige von ihnen (übersetzt aus dem Englischen):
„Europa ohne die EU?
Also ein Europa ohne Zensur, Überwachung und politische Unterdrückung, mit Meinungs- und Pressefreiheit, niedrigeren Steuern und weniger illegalen Migranten, die unsere Kultur zerstören?
Ja. Stell dir all diese Menschen vor.“
„Aber stell dir einmal Europa ohne die EU vor.
Das tue ich. Jeden Tag träume ich von Freiheit für die Franzosen, Deutschen, Portugiesen, Spanier und die anderen Länder, die unter eurer Diktatur leiden.“
„Es ist schon ziemlich toll, dass wir hier in der Schweiz keine totalitäre EU haben. Bitte, bleibt uns fern.“
„Mann, ich vermisse die Europäische Gemeinschaft so sehr!
Das war Europa ohne ideologischen Quatsch, Zensur und Niedergang.“
„Manchmal nimmt die EU die Europäer als selbstverständlich hin. Aber stellen Sie sich einmal eine EU ohne Europäer vor.
Was wäre, wenn all das, was uns jeden Tag still und leise finanziert und unterstützt, plötzlich verschwinden würde?
Wir müssen das schützen, was uns wichtig ist.
Feiern wir an diesem Europatag, wie viel Geld wir einnehmen, wie viel Macht wir an uns reißen, wie viele Regeln wir aufstellen und wie viele Informationen wir zensieren.“
„Ich bin noch vor der EU aufgewachsen. Es lief alles bestens.“
„Die Tatsache, dass sie versuchen, dich mit solchen Inhalten zu überzeugen, zeigt, dass die Nachteile die Vorteile bei Weitem überwiegen, und das wird immer mehr Menschen bewusst. Das ist pure Panik.“
Dass das Europäische Parlament ausgerechnet mit einer dystopischen Angstvision für die Europäische Union wirbt, kommt nicht von ungefähr. Die Idee, politische und gesellschaftliche Integration vor allem über Angst vor Chaos, Isolation und Zusammenbruch zu verkaufen, wird seit Jahren kritisiert. Zu den bekanntesten Kritikern der Europäischen Union gehörte schon der sowjetische Dissident Wladimir Bukowski. Er war einer der größten Regimekritiker der Sowjetunion und wurde mehrfach verhaftet, in Lager gesperrt und zwangsweise in psychiatrische Kliniken eingewiesen. Er war überzeugt, dass man sich gegen jede Form einer übermäßigen Konzentration staatlicher Macht wehren sollte, lehnte die Idee der europäischen Integration konsequent ab und prägte sogar den Begriff „EUSSSR“.
Bereits in den 2000er-Jahren schrieb er:
„Beispiele für Diktaturen, Tyrannei und Einschränkungen der Meinungsfreiheit finden sich nicht nur in Ländern der Dritten Welt, sondern auch in Europa und den USA. Europa steht vor dem Ungeheuer der Europäischen Union, das verdächtig an die Sowjetunion erinnert.“
Ob sich Bukowskis Warnungen schon bewahrheitet haben, mag jeder selbst beurteilen. Dass die EU heute aber mit dystopischen Albtraum-Videos für ihre eigene Existenz werben muss, spricht für sich. Denn die Werte, die sie prägt, basieren vor allem auf Freiheit, Offenheit und Zustimmung. Angeblich.
Dieser Blog entsteht unabhängig und aus einer Hand – getragen von Herz, Zeit und Überzeugung.
Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat und Sie meine Arbeit unterstützen möchten, danke ich Ihnen von Herzen.
Sie können dazu meine Kontoverbindung nutzen:
DE68100101780855450004 oder PayPal.
Bild: pexels.com






