QUERBLICK

Woher kommt die seltsame Lust am Kurz-vor-dem-Weltuntergang?

Die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand

von Ekaterina Quehl | Juni 27, 2026 | Gesellschaft

"

Hitze, Kälte, Klimawandel, Corona, Ebola – immer muss etwas herhalten, das den Dauerzustand der Panik rechtfertigt. Doch wenn man überzeugt ist, in einer historischen Ausnahmesituation zu leben, muss man sich gar nicht mehr um die eigentlichen Probleme der Realität kümmern.

 

 


Dieser Beitrag wird etwas persönlich werden. Zunächst schrieb ich nur einen Post, merkte aber schnell, dass ich viel mehr zu sagen habe, weil sich viele buchstäblich nach diesem permanenten Alarmismus sehnen – egal aus welchem Anlass.

Mein erstes Studienpraktikum in Deutschland vor vielen Jahren war in der Pressestelle der Berliner Feuerwehr. Da musste ich – noch aus Papier-Zeitungen – einen täglichen Pressespiegel erstellen. Einmal habe ich einen Kollegen gefragt, warum es in den Medien nur noch um die Vogelgrippe geht und ob das Problem ernst sei. Der Kollege – ein „alter weißer Mann“ – sagte mir sinngemäß, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, es sei der übliche Alarmismus. Ich habe nur mit den Schultern gezuckt und ihn erst viel später verstanden.

Heute weiß ich ganz genau, was der Kollege meinte. Aber ich verstehe auch nach 22 Jahren meines Lebens in Deutschland immer noch nicht, woher dieser Genuss der Massen am permanenten Kurz-vor-dem-Weltuntergang kommt. Kalt und Schnee im Winter, heiß und trocken im Sommer, Corona, Vogelgrippe, Ebola – egal… Hauptsache, es gibt einen Anlass, um Angst zu schüren. Als ob viele ständig etwas brauchen, wovor sie Angst haben könnten – und entsprechend dem Anlass jeweils Maßnahmen oder Einschränkungen akzeptieren.

Vor über einem Jahr schrieb eine junge Redakteurin in der Schwäbischen Zeitung einen Beitrag, an den ich mich immer noch sehr gut erinnere: „Ich vermisse den Corona-Lockdown sehr: Das war großartig“. Sie beschreibt im Text, wie gut es ihr während des Lockdowns ging:

„Ich möchte etwas loswerden, das ich sonst immer für mich behalte: Die ersten Monate nach dem Ausbruch von Corona, als alles zu war und man nirgendwo hindurfte… Ich vermisse diese Zeit. Sehr.

Natürlich war es objektiv schlimm: Es sind Menschen gestorben. Unternehmen mussten wegen der Lockdowns plötzlich um ihre Existenz fürchten. Aber ich persönlich? Ich fand diese Zeit super“, schrieb sie.

Damals hat es mich erschreckt, wie man eine solche Zeit mit all den Verbrechen, Schäden und Freiheitseinschränkungen toll finden kann. Heute denke ich, dass diese Zeilen symbolisch für eine ganze Weltanschauung sind. Für mich ist Freiheit das höchste Gut überhaupt – etwas, was man verteidigen muss und wofür es sich zu kämpfen lohnt. In einem Corona-Jahr war ich viermal in Russland – einfach, weil der Lockdown dort nur auf dem Papier stattfand und Menschen ihr normales Leben trotzdem weitergelebt haben.

Jetzt verstehe ich aber die Logik der jungen Redakteurin viel besser. Freiheit kann sehr lästig sein – man muss eigene Handlungen verantworten und ständig die Realität mit all ihren „langweiligen“ Problemen wie den Folgen unkontrollierter Migration, zunehmender Gewalt an Schulen, einer kaputten Deutschen Bahn, Insolvenzen etc. vor der Nase haben. Und: Freiheit ist individuell. Also etwas, was viele hier, wie ich sehe, gerne gegen die vermeintliche Gleichheit und kollektive Sicherheit aufgrund der Krisen und Einschränkungen tauschen würden. Weil es einfacher ist. Komplizierte Entscheidungen, Unsicherheiten, Gewissensabwägungen, Werturteile – all das sind komplizierte Dinge, die viele individuelle Handlungen und Verantwortung erfordern.

 

Strategie oder Verdrängung?

Und apropos Realität: Was ich noch sehe, ist, dass permanente Alarmstimmung Sinn stiftet. Wenn man überzeugt ist, in einer historischen Ausnahmesituation zu leben, muss man sich gar nicht mehr um die eigentlichen Probleme wie zunehmende Gewalt an Schulen, Lehrermangel, unkontrollierte Migration, kaputte Infrastruktur und Insolvenzwellen kümmern. Priorität haben nur noch Maßnahmen, die die Katastrophe abwenden sollen. Es ist so bequem, dass ich mich frage, ob das auf der Seite des Staates einfach eine bequeme Strategie ist, die Bevölkerung in permanenter Spannung zu halten, während man eigene Agenden wie die Rettung „Unserer Demokratie“, den Kampf gegen rechts etc. oder die „Klimarettung“ durchsetzt. Und auf der Seite der verängstigten Bürger – eine starke Verdrängung der realen Probleme.

Dabei schaut keiner der Alarmisten mehr darauf, wie sinnfrei oder trivial manche ach so wissenschaftlichen Maßnahmen sind. Gerade in diesen drei bis vier Tagen Hitze wird es sichtbar. Warnungen wie „Bleiben Sie zuhause“, absurde und banale Ratschläge der Tagesschau wie Teppiche einzurollen, feuchte Wäsche tragen oder „Proaktiv trinken“ fallen dabei besonders auf. Parallel kommt eine Welle an Studien und Beiträgen mit Kritik an dem, was wirklich hilft: Klimaanlagen. Sie produzieren mehr Hitze und schaden dem Klima – bis hin zu der Behauptung, sie seien ein Werkzeug der Rechten, wie der Beitrag in der „Zeit“ erklärt: „Wir dürfen die Klimaanlage nicht den Rechten überlassen“ stuft die Klimaanlagen als Sofortlösung ein, die Rechte wollen würden. „Linke warnen dagegen bei Hitze vor der Zukunft“.

Corona ist vorbei, auch die Hitze geht in wenigen Tagen vorbei, aber es wird immer etwas geben, womit man Angst schüren kann. Sie gibt Orientierung, sie schafft einen gemeinsamen Gegner, sie rechtfertigt Maßnahmen und vor allem – sie hilft, die Realität mit ihren komplizierten Problemen zu verdrängen und legitimiert einen Dauerzustand, in dem genau jene Probleme, um die man sich tatsächlich Sorgen machen müsste, als zweitrangig betrachtet werden.


Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat und Sie meine Arbeit unterstützen möchten, danke ich Ihnen von Herzen.
Sie können dazu meine Kontoverbindung nutzen:
DE68100101780855450004 oder PayPal.

Bild: pexels.com

 

Teilen auf Ihren Kanälen:

ZUM BLOGANFANG

Leseempfehlung

„Gewalt ist eine Straftat“ in einfacher Sprache

Newsletter abonnieren

Neue Beiträge direkt in Ihr Postfach.

* Ja, ich möchte über Neue Beiträge von querblick.blog per E-Mail informiert werden. Die Einwilligung kann jederzeit per Abmeldelink im Newsletter widerrufen werden. Wir senden keinen Spam. Datenschutzerklärung.

Kommentieren auf meinen Kanälen:

Aktuelle Beiträge

Demonstration in Stuttgart, Germany with protest signs and flags under a clear blue sky.

Politik, Demokratie

„Nie wieder ist jetzt“ 2.0

Ekaterina Quehl

9. September 2026

Die originalen Orte der NS-Verbrechen verfallen, während im Namen des Gedenkens eine mit Steuermillionen alimentierte Infrastruktur aus NGOs, Politik, Bildung und Co. das bekämpft, was heute als „damals“ gilt.

weiterlesen

Politik, Demokratie

Niedersachsen verschiebt die Verfassungstreueprüfung auf Wahlausschüsse

Gastautor

7. September 2026

Die Niedersächsische Landesregierung schafft eine neue Möglichkeit staatlicher Vorprüfung politischer Kandidaten und verschiebt damit Macht von der Wahlentscheidung und der unabhängigen Verfassungsgerichtsbarkeit hin zur Exekutive. Von Boris Blaha.

weiterlesen

Kriminalität, Migration, Top

„Gewalt ist eine Straftat“ in einfacher Sprache

Ekaterina Quehl

4. September 2026

Zwei aktuelle Vergewaltigungen zeigen wieder einmal das Ausmaß der Naivität und Verdrängung hierzulande. Einerseits wird dabei Migranten in einfacher Sprache erklärt, dass Gewalt schlecht und strafbar sei, andererseits traut man ihnen aber zu, Sozialhilfe und Staatsbürgerschaft zu beantragen und gegen eigene Asylverfahren zu klagen. Wo liegt der Fehler?

weiterlesen