Kopftuch als Selbstbestimmung, Konversion als positives Erlebnis und Modest Fashion für junge Frauen: Öffentliche Akteure helfen dabei, Scharia popkulturell zu verpacken.
Immer häufiger sind in den sozialen Medien, insbesondere auf Tiktok, islamische Influencer zu sehen, die Verschleierung und Scharia als modernen Lifestyle präsentieren: Hijab-Tutorials, Modest Fashion, halal Dating oder Beauty-Ratschläge sind aktuell in großen Mengen zu finden. Wie wirksam diese Mischung aus Religion, Popkultur und Social Media gerade bei jungen Menschen sein kann, ist längst bekannt. Unter dem Hashtag „konvertiert“ sind Hunderte von Videos von deutschen Männern und besonders von Frauen zu finden. Je nach Zielgruppe werben solche „popkulturellen Influencer“ für die Schönheit des Islam, stellen Verschleierung als Stärke, Selbstidentität oder als Mode und Ästhetik dar. Religiöse Regeln verkommen zu Alltagstipps, Konvertierungsaufrufe zu erhellenden Erfahrungsberichten von jungen Menschen.
Dass hinter den harmlosen, emotional bewegenden oder einfach nur niedlichen Videos häufig Kampagnen des konservativen oder des radikalen Islam stecken oder dass Muslime ein fragwürdiges Frauenbild über Soziale Netzwerke verbreiten, ist schon schlimm genug. Aber warum beteiligen sich inzwischen deutsche Medien und öffentlich-finanzierte Akteure daran? Der Bayerische Rundfunk widmete erst vor ein paar Wochen der „Modest Fashion“ einen Beitrag, der auf große Kritik stieß.
Auch die Bundeszentrale für politische Bildung fördert ein Projekt namens #WirImIslam, in dessen Rahmen sie fünf Tiktoker Videos zu ihrem Leben als Muslime bzw. Konvertiten vorstellen lässt. Offiziell geht es um „Erfahrungen und Wahrnehmungen rund um die Themen Selbstbestimmung und Meinungsvielfalt“.
„So wird ein Gegengewicht geschaffen zu Akteur:innen in den Sozialen Medien, die versuchen, öffentliche Deutungsräume zu dominieren und Meinungsvielfalt einzuschränken.“
Doch schaut man die Videos selbst, so fällt sofort auf, worum es eigentlich geht. So berichtet eine junge frisch Konvertierte auf provokative und hippe Art über ihr tolles Leben mit Kopftuch. Sie selbst führt auf Tiktok sogar eine Fashion-Rubrik, in der sie zeigt, wie man moderne und sekuläre Frauen-Outfits in verschleierte Modest-Outfits umwandelt: „Aus diesem Outfit ein Modest-Outfit zu machen? Ja, das geht. Let’s go.“
@jennahschottWelche Note fürs Outfit 1-6?🥹♬ Originalton – Jennah
Eine andere geförderte Tiktok-Createrin spricht davon, dass jede Frau selbst über ihr Leben entscheidet und „so ist es auch beim Kopftuch“. „Es gibt Frauen, die dazu gezwungen werden, das Kopftuch zu tragen – ja, das ist schrecklich. Aber wenn ich mich dazu entscheide, das Kopftuch zu tragen, heißt es nicht, dass ich ein patriarchales System fördere und Unterdrückung unterstütze“.
@bisan.n #WirImIslam ist ein Projekt im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung /bpb von @MESH Collective und modus I zad #islam #muslimtok #hijabi #kopftuch #selbstbestimmung #muslim #muslimtiktok ♬ Originalton – bisan.n
Zwei junge Männer berichten, wie relativ die Regeln des Islam sind und dass es unterschiedliche Typen von Moslems gibt – sogar auch solche, die gelatinehaltige Gummibärchen essen.
Die bpb führt das Projekt in Zusammenarbeit mit Modus – Zentrum für angewandte Deradikalisierungsforschung gGmbH, deren Projekte ebenfalls vom Bundesministerium für Forschung und Technologie gefördert werden, sowie von MESH Collective – einer Marke von we are era GmbH, einer „Agentur für Wandel“, die „das Feld der außerschulischen, digitalen Jugendbildung in den letzten zehn Jahren in Pionierarbeit maßgeblich geprägt hat“. Seit 2019 ist sie die 100%ige Tochter der RTL und Bertelsmann Group.
Was muslimische Influencer auf ihren privaten Kanälen verbreiten, kann man schwer beeinflussen. Und wenn der radikale Islam solche Formate im deutschsprachigen Raum nutzt, sollte es die Aufgabe des Verfassungsschutzes sein, dies zu beobachten. Er hat auch mehrfach vor der „Tiktokisierung des Islamismus“ gewarnt. Aber warum gehört es zur politischen Bildungsarbeit der Bundesrepublik, das Kopftuch als Ausdruck von Selbstbestimmung zu inszenieren, Konvertierung als positiv darzustellen oder islamische Lebensweisen von Influencern jugendgerecht vermarkten zu lassen? Warum inszeniert der Staat die gesellschaftliche Vielfalt dort, wo es um Scharia und Unterdrückung geht? Und warum sind gerade junge Menschen seine Zielgruppe?
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Bild: KI






