Mit absurden Lösungen irgendetwas halbfertig zum Funktionieren zu bringen, klappt inzwischen auch in Deutschland perfekt. Nach einer peinlichen Rechenpanne muss die BVG jetzt Berliner Bahnhöfe mit zusätzlichen Stützen abfangen, damit die XXL-Trams durchpassen.
Es gibt in Russland eine Menge ironischer Ausdrücke, die zur Beschreibung paradoxer und halbfertiger Lösungen eines ernsten Problems benutzt werden. Das Ergebnis hält sich oft in Grenzen, aber für den Moment funktioniert es. Irgendwie. Beispielsweise, wenn zur Isolierung von Wänden eines Hauses alte Wäsche benutzt wird oder ein kaputter Schrank-Griff mit einem Drahtstück und Isolierband repariert wird. Bekanntermaßen gibt es nichts Beständigeres als das Vorübergehende. So ein Provisorium kann deshalb problemlos so lange halten, bis es kaputtgeht. Zum Beispiel 10 oder 20 Jahre.
Ausdrücke, die wir dazu benutzen, spiegeln genau die Art der Lösung, die man auch eine „russische Lösung“ nennt. Hier sind nur wenige (diplomatisch formulierte) Beispiele, die diese Art der Lösung perfekt widerspiegeln:
- „aus blauem Isolierband und Gebeten“
- „aus Streichhölzern und Eicheln“
- „aus Moos und Zapfen“
- „hält nur durch ein Ehrenwort“
- „gemacht auf den Knien“
- „geknetet aus dem, was da war“.
Erstaunlicherweise trifft man „russische Lösungen“ immer häufiger auch in Deutschland. Wenn etwa Berliner Straßenbahnen im Winter während eines BVG-Streiks trotzdem fahren müssen – ohne Passagiere, versteht sich – damit die Leitungen nicht einfrieren, weil man sie anders offenbar nicht eisfrei halten kann. Oder wenn man trotz all der bahnbrechenden steuerfinanzierten Hitzeschutz-Pläne keine Klimaanlagen in die neuen Berliner U-Bahn-Züge einbaut, weil sie sonst zu groß für die U-Bahntunnel werden würden.
In der neuesten „russischen Lösung“ geht es um XXL-Bahnen in Berlin. Die Stadt, die mit ihren innovativen Ansätzen „aus blauem Isolierband und Gebeten“ dem Rest der Welt bei Problemlösungen schon häufiger voraus war.
Die schweren Supertrams müssten in Kürze durch den Berliner Osten losrollen, doch die Technische Aufsichtsbehörde hat die Jungfernfahrt nicht genehmigt (auch wenn schon Gummibärchen für Fahrgäste vorbereitet waren), weil sie für den „wackligen“ „Alex-Bahnhof“ zu schwer sind. Die BVG hatte offenbar mit weniger Menschen pro Quadratmeter gerechnet als die Aufsichtsbehörde.
Die Lösung des Problems ist von einer so beeindruckenden Ingenieursromantik, dass man sie unter allen „russischen Lösungen“ eigentlich unter Denkmalschutz stellen müsste. Auf einer Brücke entlang der Strecke wird das Tempo der Straßenbahn vorsichtshalber von 60 auf 55 km/h reduziert. Das ist noch nicht alles.
Da die neuen 100-Tonnen-Urbanmonster möglicherweise etwas zu ambitioniert für die fast hundert Jahre alten U-Bahn-Röhren unter dem Alexanderplatz sind, entschied man sich, auf dem Bahnsteig der U2 (Pankow/ Ruhleben) zwei zusätzliche Stützen und auf dem Bahnsteig der U5 (Hönow/ Hauptbahnhof) eine neue Säule zu bauen.
Die Bauarbeiten dürften lediglich ein paar Monate dauern und rund 150.000 Euro kosten.
Wie die Säulen aussehen sollen, hat die BVG liebevoll auf den Fotos dargestellt, die man sich wirklich ansehen sollte, denn sie wirken, als hätte jemand im Berliner Nahverkehr spontan beschlossen, ein Kellerregal von OBI unter die Decke des Alexanderplatzes zu klemmen.
Auf einem der Bilder ragt eine einzelne grüne Stütze mitten vom Boden bis zur Decke. Auf dem anderen Bild zeigt eine rote Linie, wo künftig eine zusätzliche Säule eingebaut werden soll. So sieht wahrscheinlich Hochtechnologie für die Verkehrswende einer europäischen Hauptstadt durch das Prisma einer „russischen Lösung“ aus.
Ein Glück, dass das Volksbegehren „Berlin autofrei“ neulich wegen der fehlenden Unterstützung gescheitert ist. Berliner hatten schon immer einen guten Selbsterhaltungstrieb.
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Bild: pexels.com






