Lesen, Rechnen, Aufmerksamkeit, kritisches Denkvermögen: Laut internationalen Studien verschlechtern sich die kognitiven Fähigkeiten junger Menschen erstmals seit Beginn der Moderne. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Ein Gedankenexperiment.
„Die GenZ sei die erste Generation der modernen Geschichte, deren kognitive Fähigkeiten hinter ihrer Vorgängergeneration zurückfielen“ – mit dieser Warnung stellte der Neurowissenschaftler und Bildungsexperte Jared Horvath die Ergebnisse neuer internationaler Studien bei einer Anhörung im US-Senat vor.
„Lese- und Schreibfähigkeiten, Rechenfertigkeiten, Aufmerksamkeit und das abstrakte Denkvermögen haben trotz steigender Schulbesuchsquoten abgenommen“, schreibt Horvath in seiner Stellungnahme. Er weist auf die PISA-Studie und zwei weitere internationale Studien, die Kompetenzen in Mathematik und Naturwissenschaften (Trends in International Mathematics and Science Study) sowie die Kompetenzen im Bereich der Lesefähigkeit (Progress in International Reading Literacy Study) der Schüler messen, hin.
Dieser bedauerliche Trend begann ab Mitte der 2000er Jahre. Zuvor waren die jüngeren Generationen immer schlauer, als die älteren.
„Während des größten Teils des 20. Jahrhunderts verbesserte sich die kognitive Leistungsfähigkeit über Generationen hinweg stetig. Das war vor allem auf den erweiterten Zugang zu formaler Bildung und eine verbesserte Unterrichtsqualität zurückzuführen.“ Seit Mitte der 2000er Jahre stagniere dieser Trend und kehrte sich schließlich in vielen westlichen Ländern um, so Horvath.
Was passiert, wenn die GenZ über schlechtere kognitive Fähigkeiten verfügt als Generationen zuvor?
Seit Beginn der Moderne lebten unsere Gesellschaften mit dem Selbstverständnis, dass jede nächste Generation gebildeter, kompetenter und technologisch fortschrittlicher wird als die vorherige. Kinder sollten ihre Eltern übertreffen und genau darauf beruht der Fortschritt.
Wenn es sich aber tatsächlich bewahrheiten sollte, dass die Generationen Z und Alpha (geboren zwischen 2010 und 2025) schlechtere kognitive Fähigkeiten als ihre Eltern haben, wäre das ein historischer Bruch auf mehreren Ebenen. Am Anfang würden wir das wahrscheinlich gar nicht bemerken, denn die Automatisierung vieler gesellschaftlicher Prozesse, digitale Hilfsmittel und all die technischen Systeme prägen inzwischen unseren Alltag.
Individueller geistiger Rückschritt
Wenn Jugendliche immer mehr Aufgaben in ihre „externen Hirnregionen“ wie Smartphones verlagern, dann bedeutet das nicht nur, dass sie sich schlechter konzentrieren, lesen und schreiben können. Es heißt auch, dass ihre Gehirne verlernen, wie man lernt. Schon jetzt können viele Kinder und Jugendliche nicht mal analoge Uhren lesen – etwas, was einem so elementar vorkommt wie etwa das Schuhebinden. Wenn ein Gehirn die meiste Zeit Informationen nur noch in Form von Reizen und kleinen Fragmenten aufnimmt, was macht dann der Verstand mit komplexen Zusammenhängen, Widersprüchen und Argumentationen? Googeln oder ChatGPT fragen, ob der Freund rechtes Gedankengut hat, weil er Sprudelwasser trinkt?







