Die ständige Hervorhebung bestimmter Gruppen gilt als Ausdruck von Antidiskriminierung. Doch dahinter steckt etwas anderes. Meine These: Eine tief sitzende moralische Überlegenheit, die sich selbst als großzügig und fortschrittlich inszeniert – und dabei den eigenen Chauvinismus nicht einmal mehr erkennt.
Schon lange wollte ich über ein Thema schreiben, das mich – als Ausländerin, die sehr viele Jahre in Deutschland lebt – interessiert. Über Diskriminierung. Aber nicht in dem Sinne, wie es linksgrünrote Moralisten meinen – sondern in dem Sinne, wie sie es tun.
Vorweg muss ich sagen, dass einige meiner Familienangehörigen Deutsche sind und dass ich sehr viele Deutsche als Freunde, Kollegen und Bekannte habe. Und niemals wurde ich von diesen Menschen wegen meiner Herkunft, Besonderheiten meiner Mentalität oder kulturellen Gewohnheiten beleidigt. Und das, worüber ich hier schreibe, hat nichts damit zu tun, dass ich als „Russin“ oder „Ausländerin“ bezeichnet werde, mit der Frage „Woher kommst Du?“ oder mit Komplimenten für meine Deutschkenntnisse. Nein – entgegen den unzähligen Behauptungen beleidigen uns, also viele (nicht alle) Ausländer, die in Deutschland leben, solche Dinge überhaupt nicht. Warum auch?
Das, was ich meine, ist ein Werte-Kompendium aus dem linksgrünroten Spektrum der letzten Jahre, das sich in meinen Augen regelrecht zu einer Neurose entwickelt hat. Und ich halte es nicht für Angst, zu beleidigen, und auch nicht für den Drang nach politischer Korrektheit oder Diversity … ich halte es für selbstzufriedene Moralität, die sich für fortschrittlich hält, und für den Chauvinismus selbst, aus dem solche Aktivitäten resultieren.
Du bist zwar nicht wie wir aber wir kümmern uns um Dich
Du bist zwar nicht wie wir, die politisch-kulturelle Elite, aber schau, wie großzügig und moralisch fortschrittlich wir sind. Wir heben Dich als benachteiligte Gruppe hervor, wir schaffen NGOs und fördern Antidiskriminierungsprojekte mit Millionen Euro, finanziert durch die Steuern derjenigen, die wir der Diffamierung und Hetze beschuldigen, weil sie nicht mitmachen wollen. Wir tragen eine Regenbogen-Binde und hissen Regenbogen-Fahnen an unseren Parlamentshäusern. Wir nennen Ausländer „migrantisch gelesene Menschen“ und Frauen „Menschen mit Uterus“. Wir benennen Straßen um und schreiben überall in den Stellenausschreibungen m/w/d/x/i.
Und Ihr seid die Abweichung, die besonderen Schutz und eine besondere Bühne verdient. Und falls Ihr Euch nicht als Opfer fühlt oder Euch gar als unseresgleichen betrachtet, erklären wir Euch, dass Ausdrücke wie „Hauptfarbener Stift“ oder „Kulturelle Unterschiede“ rassistisch sind. Und dann positionieren wir Euch als Opfergruppen und füttern Euch mit Projekten, Quoten, Gendersternchen und Antidiskriminierungsstellen. Aber nicht, weil die Mehrheit Euch schlecht behandelt und wir Euch davor schützen wollen. Wir machen das, weil wir uns dadurch besser fühlen.
Moralischer Chauvinismus
Meine These ist: Diese Menschen meinen es nicht einmal gut. Die eigene moralische Überheblichkeit sitzt so tief, dass sie gar nicht merken, wie bevormundend und herablassend ihre Haltung gegenüber denjenigen ist, die sie vorgeben, zu beschützen. Und das ist eben eine Art moralischer Chauvinismus – man braucht die „Verletzlichen“, um sich selbst als die Guten zu fühlen. Und die „Opfer“ spielen oft mit, weil die Rolle mit Aufmerksamkeit, moralischem Status und materiellen Vorteilen belohnt wird.
Doch die wahre Gleichbehandlung beginnt in meinen Augen erst dann, wenn Menschen andere als Individuen und nicht als Angehörige bestimmter Gruppen behandeln. Und wenn Unterscheidungsmerkmale erst gar nicht hervorgehoben und kategorisiert werden. Wenn Gesetze für alle gleich gelten, wenn Projekte nicht extra für bestimmte Gruppen ausgeschrieben werden, sondern nach Inhalt und Qualität vergeben werden. Wenn keine Geschlechter oder sexuelle Vorlieben bei Stellenausschreibungen hervorgehoben werden. Wenn bei Filmen, im Theater oder bei Festivals nicht darauf geachtet wird, dass „alle Identitäten vertreten“ sind, sondern die Chance den besten oder passendsten Leuten gegeben wird. Und wenn Menschen nicht gendern und keine Ausdrücke wie weiblich oder asiatisch „gelesene Menschen“ benutzen.
Wir sind keine Besserwisser, sondern Eure Beschützer
Versucht man das psychologisch zu erklären, kommt man zu dem Schluss, dass so eine „normale“ Gleichbehandlung in der absehbarer Zeit gar nicht kommen wird. Es ist ein viel zu lukratives Modell für die Stabilisierung des eigenen Selbstbildes, stets zu den „Guten“ zu gehören. Wenn die eigenen moralischen Rituale wie das Achten auf Wörter wie „Student Innen“, Straßenumbenennungen, Regenbogenbinden etc. nachlassen, könnte dieses Selbstbild ins Wanken kommen. Und das möchte niemand. Deshalb wird vielleicht ständig über „Haltung zeigen“ gesprochen. Weil sie erlaubt, sich über andere zu stellen, ohne dass es nach Arroganz aussieht.
Wir sind dann keine Besserwisser, sondern Eure Beschützer. Und wenn Ihr Euch nicht als Verletzliche fühlt oder gar die Spielregeln ablehnt, fühlen wir uns Euch überlegen.
Woran liegt diese moralische Überheblichkeit? Ich weiß es nicht. Aber meine Vermutung ist, dass sie mit tiefsitzenden eigenen Unsicherheiten einhergeht. Und dass es viel einfacher ist, sich mit den (vermeintlichen) Unsicherheiten anderer auseinanderzusetzen, als mit den eigenen. Das Schlimme ist, dass diese Entwicklung inzwischen enorme gesellschaftliche und institutionell abgesicherte Ausmaße angenommen hat. Ist dieses Gedankengut in Teilen der Gesellschaft wirklich so tief verankert, dass die ganzen Regierungsprogramme daraus entwickelt werden?
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Bild: KI ChatGPT







